Steve Reich

Reich Remixed
CD Nonesuch No, 7559-79552-2

City Life
Proverb, Nagoya Marimbas
CD Nonesuch, No. 7559-79430-2

The four Sections
Music for mallet instruments, voices, and organ
CD Nonesuch, No. 7559-79229-2

Sextet, Six Marimbas
CD Nonesuch, No. 7550-79229-2

Octet, Music for large Ensemble
CD ECM New Series 1168, No. 827287-2

Music for 18 Musicians
CD ECM New Series 1129, No. 821 417-2

Steve Reich wurde am 3. Oktober 1937 in New York geboren. Halbherzig komponierte er nach Studien bei Darius Milhaud und Luciano Berio in den 60er Jahren zunächst Tonsätze im Stil der Schul-Avantgarde. Erst die Begegnung mit dem Meditationsmusiker Terry Riley sowie die Möglichkeiten der Tonband-Montage brachten ihm die „Erleuchtung“. Er kehrte seinen Klangexperimenten den Rücken, um Pulsschlag, Repetion und Wohlklang wieder zuzulassen. Anregungen für seine Kompositionen, die der konventionellen Musik-Psychologie zuwiderlaufen, holte sich Reich 1970 in täglichen Unterweisungen bei einem Meistertrommler des Ewe-Stammes in Ghana sowie bei den Tempel-Orchestern auf Bali. Inspiriert durch diese Studien entdeckte er den Reiz der Phasenverschiebung. Über seine musikalischen Intentionen schreibt Steve Reich: „Einen graduellen, musikalischen Prozeß zu spielen oder zuhörend zu verfolgen, ist ähnlich eine Sanduhr umzudrehen und zuzuschauen, wie sie langsam zu Stillstand kommt. Von einer Verwendung versteckter struktureller Prozesse in der Musik habe ich nie viel gehalten. Solche Geheimnisse sind unpersönlich. Mich interessieren Kompositionsprozesse, die mit klingender Musik identisch sind.“

Exemplarisch für Steve Reichs damalige Kompositionsweise steht sein Stück „Drumming“ für Bongotrommeln, Marimbas, Glockenspiele, Männer- und Frauenstimmen. Diese mit 16 Metern längste und wiederholungsreichste Partiturrolle der Musikgeschichte wurde 1971 uraufgeführt. Das gut anderthalb Stunden dauernde Stück gliedert sich in vier Abschnitte, die nahezu nahtlos ineinander übergehen. Zwei oder drei identische Instrumente, die gleiche Rhythmus- oder Melodie-Modelle ständig wiederholen, verschieben sich allmählich asynchron gegeneinander. Sie fordern vom Zuhörer eine pausenlose Konzentration auf die Veränderung in Klangfarbe und Akzentuierung.

Von dieser komponierten kalkulierten Monotonie wandte sich Steve Reich schließlich sukzessive ab: Er verkomplizierte sein Modell der Phasenverschiebung und der ständigen Repetition stets gleicher (oder minimal sich verändernder) Melodiefragmente, um spannungsreichere musikalische Glasperlenspiele zu schaffen.

Er kreierte jetzt längere melodische Zusammenhänge und wandte sich dabei nach eigener Aussage klassischen Satztechniken, „zwischen Haydn und Schönberg“ zu. „Six Marimbas“ (1973- 1986), „Octet“ (4/1979), „The four Sections“ (1986)  z.B sind wunderbar atmende musikalische Organismen. Sie lassen den Zuhörer auf einen akustischen Teppich entschwinden und sensiblisieren gleichzeitig sein musikalisches Wahrnehmungsvermögen. Die Musik ist ständig dynamisch im Fluß; voller variierender Impulsmuster. Sie ist von einer vibrierenden Lebendigkeit und kontrastreich genug, um einen unleugbaren Entspannungseffekt zu besitzen.

Meine persönlichen Favoriten sind „Music for Mallet instruments, Voices and Organ“ (1973) sowie „Music for 18 Musicians“ (1976). Das erste Werk erweckt in mir Bilder von der Zeitlosigkeit des Meeres, dieser „einzigen Verlockung aus Farbenspiel und Licht“, wie es Angeles Mastretta in ihrem Roman „Emilia“, S. 7, beschreibt. Wir assozieren das sanfte Rollen der Brandung: Wellen, die unaufhörlich am Strand aufschlagen; ehe ihr wogendes Element am Ufer ausläuft. Eine seltsam belebte Starrheit ergreift uns und das Zeitempfinden wird auf ganz eigene Weise verändert. Wer einmal diese Komposition am Meer gehört hat, wird dieses intensive Hörerlebnis nie vergessen.

Mit der  fast sechzigminütigen Partitur von „Music for 18 Musicians“ aus dem Jahre 1976 baut Steve Reich mittels Percussion, vier Frauenstimmen, vier Klavieren, drei Marimbas, dazu Klarinette, Baßklarinette, Violine, Cello und Metallophon einen ungeheuer farbenreichen Klangkosmos auf. Das harmonische, rhythmische sowie akustische Gegen- und Miteinander, schafft eine facettenreiche, pulsierende Musik. Mit „Music for 18 Musicians“ hatte Steve Reich endlich sein Ziel erreicht, Tonalität auf eine originelle und gänzlich neue Weise zu verändern. Dabei wirkt die Musik wie eine unaufhörliche Klangexpedition, an der jeder teilnehmen kann, wenn er bereit ist zu entdecken, statt in erster Linie seine Ohren mit Vergangenheit zu ernähren.

Die harmonischen Kühnheiten des mitelalterlichen französischen Komponisten Perotinus Magnus (1165 bis 1220) inspirierten Steve Reich zu seinem Stück  No. 1 „Proverb“ (Sprichwort), auf der 1996 veröffentlichten CD „City Life“. Mit dieser Komposition für drei Soprane, zwei Tenöre, zwei Vibraphone und zwei elektrische Orgeln vertonte Steve Reich einen kurzen Text des Philosophen Ludwig Wittgenstein: „Schon der kleinste Gedanke genügt, um ein Leben zu erfüllen…“. Die SängerInnen intonieren dieses Werk mit strahlend glasklaren, überirdischen Stimmen. Ihre Interpretation schafft eine hochsensible, ungewöhnlich dichte Atmosphäre.

Die ästhetische Suche nach dem Geräusch als Ausdrucksform wurde für Steve Reich bereits in den sechziger Jahren zur Besessenheit. In einem Park in San Francisco nahm er im Jahre 1965 die Stimme eines über Noah und die Sintflut gebetsmühlenartig faselnden Laienpredigers auf. Zufällig entdeckte er in den unsynchronisierten Tonbandschleifen der Rede einen bislang noch nie gehörten Sound, der ihn verwirrte und geichzeitig faszinierte. Dieses war die Geburtsstunde der Remixes. Gemeint ist die Bearbeitung eines Stückes mit Plattenspieler, Mischpult und Computer.

Zum Ende des 20igsten Jahrhunderts nahm sich die Elite der DJ-Kultur mit ganz persönlichen Interpretationen der Werke dieses visionären Experimentators an. Künstler wie NobukazuTakemura, DJ Spooky, Ken Ishi oder Coldcut etc. entstellten die Musik auf der CD „Reich Remixed“ aber nicht bis zur Unkenntlichkeit, sondern renovierten sie eher behutsam und steuerten ihr originelle Ideen bei. Mike Kandel von „Tranquility Bass“ überschlägt sich förmlich in einem Interview mit der Zeitschrift JAZZthing vom Mai 1999: „Er ist ein Gott, er ist der Größte! Er hat Dinge geschaffen, ohne die unsere Welt heute langweiliger wäre! Reich ist der erste, der die Philosophie von Techno als den geheimnen Puls des Leben erkannte.[…]. Seit den späten achtzigern verwenden wir bei „Tranqulity Bass“ Steve Reichs Werke, sie prägen unseren Sound. Ich habe mich dehalb auch schwer für ein einzelnen Stück entscheiden können und Teile von Six Marimbas, Drumming, Three Movements oder Clapping Music zusammengefügt, auch City Light ist dabei.“ „Reich Remixed“ beinhaltet Soundlandschaften, die den Hörgewohnheiten der späten neunziger Jahre entsprechen, dabei aber nicht den geheimnisvollen Fluß der Reich’schen Experimente verloren haben.

linnevansythen

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