Juli Zeh : “Unterleuten“
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In ca. 300 Metern Entfernung von unserem Wohnhaus wird momentan ein überdimensionales Windrad errichtet. Mit seiner Mächtigkeit und enormen Dimension zerstört es das idyllische Landschaftsbild. Es ist es nicht verwunderlich, dass die Anwohner diesem alternativen Projekt für erneuerbare Energien skeptisch entgegentreten.
Da kommt Julie Zehs aktueller Roman gerade richtig, an dem sie 10 Jahre lang gearbeitet hat.
Es geht um ein fiktives Dorf mit dem Namen „Unterleuten“. Es liegt zirka eine Stunde Autofahrt von Berlin entfernt. Einen Supermarkt gibt es hier schon lange nicht mehr. Dafür einen Kindergarten, eine Dorfkneipe und ein paar Berliner Zugezogene. Die alte LPG ist zum Landwirtschaftsunternehmen mit Biosiegel geworden, und die Vogelschutzwarte zieht ein paar Touristen an.
Im Dorf herrschen alte Fehden und neue Eitelkeiten. Die Einwohner  müssen um ihre Existenz kämpfen: der Großbauer wie der zugezogene Vogelschützer, der Alt-Kommunist und die Jung-Unternehmerin, die von einer Pferdezucht träumt. Aber erst, als ein Windpark gebaut werden soll, drohen die Konflikte die Dorfgemeinschaft zu zerbrechen.
Insgesamt elf Protagonisten bevölkern Unterleuten. Zeh stellt sie am Anfang nacheinander vor. Sie nehmen den Leser aus ihrer jeweiligen Perspektive mit in den Dorfkosmos. Jeder hat seine eigene Wahrheit, seine Geschichte. In Unterleuten sitzt quasi jeder in Isolationshaft. Man sendet einander Zeichen, wie die Blockade des Tanklasters, aber keiner redet wirklich mit dem anderen. Die Protagonisten sind unterschiedlich ausstaffiert, was Biografie und Ziele betrifft, aber allesamt nur Varianten eines Prototyps – des uneinsichtigen, verbissenen Egoisten.
„Unterleuten“ sollte zur Pflichtlektüre für alle werden, die in ihren urbanen Wohn-Quartieren hocken und vom Häuschen im Grünen träumen, von Landschaft, Romantik und dem einfachen, gar glücklichen Leben dort draußen…
Absolut lesenswert!

Luchterhand Literaturverlag, 24,99 €, ISBN: 9783630874876

Paul Weidekamp

Wie oft musste mich mein Vater als Junge vom Fußballfeld holen, damit ich Klavier übte oder den abendlichen Opernbesuch nicht vergaß. Aber schließlich fruchtete seine Hartnäckigkeit und ich wurde ein begeisterter Fan klassischer Musik und spielte Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven. Zudem entdeckte ich die Literatur. Besondere faszinierte mich Gerhard Hauptmann, was keiner von meinen Freunden verstehen konnte. Aber immer nur Naturalismus? Nein, dabei blieb es nicht. Ich entdeckte die fantastischen Novellen von E.T.A. Hoffmann, die Horror- Geschichten von Edgar Allen Poe, die Romane von Theodor Fontane, Gustave Flaubert, Thomas Mann und Leo Tolstoy. Marcel Proust und James Joyce auf der literarischen Seite sowie Arnold Schönberg und Igor Stravinsky auf der musikalischen Seite öffneten mir schließlich die Augen und Ohren für die Gegenwartsliteratur- und Musik. Sie lassen mich bis heute nicht mehr los. Ihnen begegne ich immer noch neugierig voller Abenteuerlust und Forscherdrang. Zudem liebe ich alle Facetten des Jazz. Leider stelle ich immer wieder fest, dass von mir geliebte Bücher und CD’s nicht so bekannt werden, obwohl sie wahre Schätze sind. Diese werde ich in meinen beiden Rubriken vorstellen und verspreche Tipps für fesselnde Leseabenteuer und fulminante Hörreisen.

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